„Nimmst du noch deinen Zeiterfassungsbogen mit?“

16.3.20, Tag 6


Noch am vergangenen Dienstag (10.3.20) sagte mir meine Chefin, dass es nicht sein kann, dass die Mehrheit der europäischen Länder ihre Grenzen schließen würde und schon gar nicht, dass Deutschland das macht. Noch am vergangenen Mittwoch (11.3.20) haben Spahn und Merkel auf der Pressekonferenz behauptet, dass sie das Abriegeln für nicht sinnvoll halten. Seit gestern sitzt meine Chefin in einem Hotel in Spanien eingesperrt; sie hofft, in den nächsten Tagen irgendwie heil nach Hause zu kommen. Deutschland hat nun seine Grenzen geschlossen.


Noch am vergangenen Donnerstag (12.3.20) sagte mir mein Kollege, dem ich angedeutet habe, wir sollten darüber nachdenken, demnächst auf Homeoffice umzusteigen, dass er es zwar für realisierbar hält, sich aber nicht vorstellen kann, dass es notwendig sein würde. Gestern schrieb ich ihm, dass ich es spätestens ab Dienstag machen würde. Heute bekamen wir von den obersten Etagen eine Meldung, dass unser Büro ab sofort schließt und dass jeder sich so gut wie möglich selbst organisieren soll. „Nimmst du noch dein Zeiterfassungsbogen mit?“, fragte mich mein Kollege im Laufe der Vorbereitung auf das homeoffice.


Ich fuhr nach Hause (zum Glück mit dem Auto), und sah mir die Straßen an. Ich war nach meinem gestrigen Spaziergang am Lietzensee schon im Klaren darüber, dass viele Menschen keinerlei Verständnis für den Ernst der Situation haben. Es gibt Menschen, die schließen Grenzen, führen Quarantäne und Notstände ein, die schließen Schulen, Unis, sämtliche Kultureinrichtungen. Es gibt Menschen, die erläutern, wie jeder sich verhalten muss, um die Ansteckungs- und Verbreitungsgefahr zu reduzieren.


Aber es gibt auch Menschen, die diese Hinweise nicht einhalten, sie sitzen weiter in Cafes und Bars, spielen mit ihren Kindern auf Spielplätzen, ihre Kinder spielen mit anderen Kindern. Menschen machen Picknick in engen Runden, küssen sich, umarmen einander. Atmen einander an. Eine junge Frau sagte: „Ich bin 21, ich werde doch nicht mit Angst zuhause sitzen!“. Ich fragte mich, ob ein Teil dieser Menschen zuvor ihre Käufe von Vorräten an Toilettenpapier, Nudeln und Tiefkühlkost bereits erledigt hat. Und dann fragte ich mich, was es für ein Phänomen sein sollte, dass solch eine Diskrepanz im Verhalten erklären könnte: Engpässe mit Lebensmittel-Versorgung sind wahrscheinlich wesentlich leichter als Gefahr für sich zu erkennen, als mit Corona infiziert zu werden.


Werden Eingrenzungen im Konsum und wirtschaftliche Folgen für Unternehmen als größere Gefahr von den Menschen gesehen als diese Erkrankung? Wäre es nicht dringend notwendig, das jeder sich an die Hinweise hält, damit das Virus sich nicht so schnell weiter verbreitet und jeder von uns letztlich infiziert wird?



Bild: Ekaterina Quehl

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