Meine Henkersmahlzeit bei meinem Lieblings-Italiener

21.03.2020, Tag 11


Gestern haben wir uns noch mal zum Italiener in unserer Nähe gewagt. Ein Herzens-Italiener um die Ecke, der seine Stammgäste mit Namen und Hand grüßt, der zu Weihnachten immer einen großen „Pandoro“ (traditioneller italienischer Weihnachtskuchen) schenkt und bei dem wir auf seiner wunderschönen Terrasse so viele warme, sommerliche Abende verbracht haben.


Auf jedem zweiten Tisch standen Oster-Schmuck, große Wein- oder Prosecco-Flaschen und jeweils ein „Reserviert“-Schild. Das geschmückte Restaurant sah sehr einladend und gemütlich aus. Offensichtlich hat der Restaurant-Chef den Oster-Schmuck schon jetzt herausgeholt und auf einige Tische aufgestellt, um den Gästen zu zeigen, dass sie die „reservierten“ Tische nicht besetzen dürfen, damit sie den vorgeschriebenen Abstand von mindestens 1,5 Meter einhalten können. Wir waren im Restaurant allein.


Ein Kellner - ich kenne ihn schon lange; er kommt aus Sardinien und er wollte im späten Frühling dort seine Familie besuchen - erzählte uns, dass das Restaurant ab Montag das Essen nur noch zum Mitnehmen anbieten werde und dass wir uns heute wahrscheinlich zum letzten Mal sehen. Ob das Restaurant diese schweren Zeiten überstehen werde, wisse er nicht. Aber es habe wenigstens Stammkunden. Die Restaurants in den touristischen Gegenden Berlins entlassen jetzt schon ihre Mitarbeiter. Der Besitzer eines großen Restaurants am Kurfürstendamm habe bereits seine 35 Mitarbeiter entlassen, erzählte uns der Kellner. Er hat sich bei uns für viele Jahre Gäste-Treue bedankt, indem er seine Händen vor sein Herz legte.


Das Beispiel mit unserem Italiener ist leider keine Ausnahme. Viele kleine und mittelständige Unternehmer werden sehr wahrscheinlich nicht in der Lage sein, ihre Firmen über Wasser zu halten und die Corona-Krise trotz den versprochenen Staatshilfen zu überleben, wie etwa Herr Bosselmann in seinem bewegenden Video-Aufruf über die dramatischen Entwicklungen in seinen Bäckereien in Hannover mit Tränen in den Augen schildert, und ihre Mitarbeiter notgedrungen entlassen. Auch über meinen Arbeitgeber mache ich mir große Sorgen.



Nach dem Kommentar eines Lesers, den ich heute zu meinem Beitrag „Absurditäten des Alltags“ bekommen habe, frage ich mich aber auch, was mit den Mitarbeitern großer Unternehmen und Organisationen aus lebensnotwendigen Bereichen passiert, wie etwa Lebensmittel-Versorgung. Der Leser schreibt:


„Vielen Dank, liebe Frau Katharina für Ihren Beitrag. Seit Kurzem arbeite ich in einem Lebensmittelgroßhandel-Lager. Die Leute geben sich nicht die Hände, aber sonst ist alles wie im normalen Leben. Die Leute hocken praktisch aufeinander und ich war der einzige, der ab und zu eine Maske trug, verschämt und nicht dafür gelobt. Was mir am meisten Sorgen macht, ist das, wenn da jemand krank wird in diesem Logistik-Zentrum - wenn es dort so ist, ist es woanders auch so - das hieße dann, dass unsere Lebensmittelversorgung in Gefahr ist.“

Wenn in Unternehmen wie dieses oder etwa im Bauunternehmen auf dem Bild, das mir gestern meine Freundin geschickt hat, keine Schutzmaßnahmen eingehalten werden, werden dann erkrankte Mitarbeiter einfach als gesunde ausgegeben, damit die in vielen Bereichen lebensnotwendige Arbeit fortgesetzt werden kann?


Bilder: lifeforstock/freepik, privat

© 2020 Ekaterina Quehl. Berlin, Deutschland. Created with Wix.com, © Hintergrund: designed by bearfotos / Freepik

E-Mail: k.quehl@web.de

This site was designed with the
.com
website builder. Create your website today.
Start Now