Mein Leben ändert sich. Ab jetzt.

11.3.20, Tag 1

Eigentlich sollte diese Seite ein Studienportfolio für meinen Master-Studiengang werden. Ich bin faul und verschiebe wichtige Studienaufgaben bis auf den letzten Moment, was ich auch mit diesem obligatorischen Portfolio konsequent seit drei Semester mache. Doch in dieser Semesterpause dachte ich, ich nehme mir endlich Zeit dafür und werde fleißig. Und dann kam Corona.


Als ich heute auf der Arbeit erfahren habe, dass uns vielleicht Zuschüsse wegen Corona gestrichen werden können, und somit die Auszahlung unserer Gehälter in den nächsten Monaten nicht garantiert werden kann, habe ich mich entschieden, diese Webseite einem anderen Thema zu widmen. Ich werde einen Tagebuch führen und die gesellschaftlichen Veränderungen, die bereits jetzt auf mein Leben Einfluss haben, aufschreiben.


Ich bin in den 90er Jahren in St. Petersburg aufgewachsen - damals die Hochburg der Kriminalität. Und ich habe Wirtschaftskrisen, Lebensmittelmarken und leere Regale erlebt. Ich kenne das Leben im Mangel und kann, wenn es hart auf hart kommt, den Gürtel sehr sehr eng schnallen. Seit 15 Jahren lebe ich in Berlin. Mein Leben in der Heimat kommt mir inzwischen wie ein vergessener Traum vor. Wie etwas, was mich zwar kulturell und mental geprägt hat, was mich aber nicht verbittert hat. Da sind die Erinnerungen an die riesigen Warteschlangen vor den leeren Lebensmittelgeschäften, an die Berge von Second-Hand-Sachen in der Schulaula - Spenden aus dem Westen - an die ich als ein Scheidungskind als eine der ersten ran durfte, weil ich Kleidungsstücke noch nötiger hatte als andere. Alls das sitzt noch sehr tief in mir. Meine Mitmenschen und ich haben damals auf Überlebensmodus geschaltet. Einen großen Teil unserer Lebensenergie mussten wir dafür aufbringen, sonst alltägliche Dinge zu besorgen: von Schuhen über Winterkleidung bis hin zu Toilettenpapier, Glühlampen und Grundnahrungsmittel. Es war schon ein Glück, wenn man Kartoffeln bekam, von Früchten konnte man nur träumen, uns wenn man an Limonade oder Süßigkeiten kam, war das ein Glücksgefühl, wie ich es heute nur von Weihnachten kenne.


Meine Erfahrung hat mir gezeigt, dass Krisen zwar von heute auf morgen das Leben auf den Kopf stellen können, dass man aber bereits im Vorfeld Signale spürt und die nicht auf die leichte Schulter nehmen darf. Meine Landsleute fühlen sich von der Regierung verlassen und auf sich selbst gestellt. Sie haben seit Jahrzehnten Überlebensmechanismen entwickelt und verlassen sich auf sich selbst und ihren Verwandtschafts- und Freundeskreis. In der heutigen deutschen Gesellschaft scheinen mir diese Mechanismen bei den Menschen nicht vorhanden zu sein. Entweder verharmlosen sie die aktuelle Situation oder sie geraten in Panik. Dieses Verhalten beobachte ich in meinem Freundeskreis, aber genauso in der Regierung und in der Verwaltung.


Ich glaube, es liegt an meiner Kindheit in der Krise, dass die aktuelle Pandemie bei mir keine Panik auslöst. Wenn ich aber leere Lidl-Regale und Schilder „Schutzmasken und Desinfektionsmasken sind dauerhaft ausverkauft“ an den Eingangstüren der Apotheken sehe, wenn ich in der Berichterstattung über die drastischen Maßnahmen von Italien und anderen Ländern lese, dann kommen bei mir die Erinnerungen an die Kindheit hoch und schlagen Alarmglocken. Meine Erfahrung und mein gesunder Menschenverstand sagen mir, dass das erste Zeichen für den Anfang einer großen, wenig bis gar nicht regulierbaren Entwicklung sind.


Natürlich kann ich nicht ausschließen, dass ich einfach übersensibilisiert bin und mit meinen Einschätzungen falsch liege. Mehr noch: Ich wünsche es mir. Aber ich glaube, in einer Gesellschaft, wo bis auf die älteren Generationen niemand echte existenziellen Krisen erleben musste, macht es Sinn, wenn man sich die Einschätzungen von besonders sensibilisierten Menschen zumindest anhört.



Bild: Ekaterina Quehl

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