„Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral“


08.05.2020, Tag 58


Gestern verlor ein Mensch, der mir sehr nah steht, ein sehr guter Freund von mir (m/w/d), seine Arbeit. Anton - so nenne ich ihn hier, damit seine Anonymität gewahrt bleibt - wurde überraschend gekündigt. Das ist nichts besonderes heute - in der Corona-Krise verlieren viele Menschen ihre Arbeit, könnten einige denken. Ich habe mich dennoch entschieden, darüber zu schreiben, weil Anton seine Kündigung nicht wegen der Corona-Krise ausgesprochen wurde und weil die Art, mit der es gemacht wurde, so raffiniert ist, dass es eigentlich nur Soziopathen hätten machen können in dieser schweren Zeit. Es ist kein Geheimnis, dass Menschen besonders in harten Zeiten ihr wahres Ich zeigen. Und dieses Beispiel ist dafür sehr bezeichnend. Hier ist die Geschichte meines Freundes.


Genau so wie ich, hat Anton seinerzeit einen Quereinstieg in seinen Traumberuf gewagt. Genauso wie ich, hat er sich getraut, sein warmes Plätzchen im Öffentlichen Dienst Berlins mit Tarifvertrag und Weihnachtsgeld zu verlassen - weil er, wie jeder kreativer Mensch, dort irgendwann keine Luft mehr bekam und weil es ihm, wie jedem Menschen mit gesundem Verstand und kritischem Vermögen, dort irgendwann zu kafkaesk wurde.


Sein neuer Arbeitsplatz: Ein kleines Büro einer gemeinnütziger Organisation - so klein, dass von einer Idee bis zu ihrer Umsetzung nur ein Katzensprung ins benachbarte Chefbüro ist. Mehr noch: Kurze Wege, schnelle Entscheidungen, keine Erstickungsgefahr beim Marathon mit vielen Freigabestellen, so wie es sonst im öffentlichen Dienst üblich ist. Und wenn es da nicht eine Kleinigkeit gegeben hätte, wäre Anton wunschlos mit seiner neuen Arbeit glücklich gewesen: Außer dem „Büro-Chef“ gab es nämlich noch ein Gremium - einen Vorstand, bestehend aus einer Handvoll Vorsitzenden. Sie haben zwar bei den wichtigsten Fragen ihr letztes Wort gehabt, sich aber niemals in den Arbeitsalltag eingemischt. So hieß es zumindest am Anfang. Lediglich beim Bewerbungsgespräch meines Freundes waren ein paar Vorsitzende dabei. Ansonsten war der „Büro-Chef“ der einzige Chef schlechthin und dieser war zugleich das einzige Bindeglied zwischen dem kleinem Team und dem Vorstand.

Gelegentlich hat Anton die Beschwerden seines Chefs darüber gehört, wie „doof“ die Vorstandsmitglieder seien, weil sie erst seit kurzem ihre Positionen besetzen, schon aber mit aller Kraft Veränderungen eingehen wollen. Und diese seien aus vielen Gründen gar nicht umsetzbar, so der Chef meines Freundes. So wollten sie beispielsweise neue Technologien auf Basis veralteter Technik einsetzen oder auf digitale Lösungen dort umstellen, wo die Anwender überwiegend Rentner waren und mit Digitalisierung gar nichts am Hut hatten.


Anton erzählte mir mal, dass einige Monate nach seiner Anstellung der Vorstandsvorsitzende eine Art Personalgespräch mit ihm geführt habe. Bei diesem Gespräch habe der Vorstandsvorsitzende ihm gesagt, dass er die Umsetzung der Ideen des Vorstandes nicht beim „Büro-Chef“ sehe, weil er zu alt sei für die Innovationen. Eher sehe er sie bei Anton, der so viele neue Kenntnisse in die Firma bringe und bestimmt auch selbst viele innovative Ideen habe. Der Vorstandsvorsitzende sehe zudem viel Widerstand bei Antons „Büro-Chef“ Freundes. Deshalb habe er ihm angedeutet, sich mit seinen Ideen direkt an den Vorstand zu wenden. Ich kann mich noch erinnern, wie Anton enttäuscht über diese Andeutung erzählte. Er verhielt sich dem Büro-Chef gegenüber loyal und wollte nicht hinter seinem Rücken Entscheidungen des Vorstandes durchsetzen. Also erwiderte er dem Vorsitzenden höflich, dass er nur dann neue Ideen umsetzen würde, wenn dies in Absprache mit seinem Chef geschieht.


In meinem Berufsleben sah ich bei vielen Firmen auf allen Ebenen ein solches Gebaren so oft, dass ich inzwischen denke, es gehört zum gruppendynamischen Verhalten einfach dazu: Ein Teil der Mitarbeiter hat „Werte“, die ihnen zwar bei der Durchsetzung ihrer Ziele - sei es Karriere oder Machtausübung oder etwas anderes - helfen, sich sonst aber jenseits der Anständigkeit, Loyalität und Fairness befinden. Und Menschen wie Anton und ich, für die Anständigkeit, Loyalität und Fairness der Ausdruck ihrer Persönlichkeit sind, fangen schnell an, sich sehr unwohl zu fühlen, wenn sie mit solchen Personen zu tun haben müssen. Deshalb habe ich sofort verstanden, was Anton damals gemeint hat. Er hatte aber nur selten Kontakt mit dem Vorstand, so dass er sich auch nur selten unwohl fühlen müsste.

Anton erzählte mir auch von steigender Frustration seines „Büro-Chefs“ über das Verhalten der Vorstandsmitglieder, von denen nur einer sich wie ein aufrichtiger Mensch zu verhalten schien - derjenige, der auch beim Bewerbungsgespräch meines Freundes dabei war. Das Verhalten der Vorstandsmitglieder zeige Inkompetenz und habe große Folgen für die Unternehmenstätigkeit, von der der „Büro-Chef“ als Guru mit über 20jährigen Erfahrung dort die meiste Expertise besitze.


Ich war sogar schon fast neidisch auf Anton, weil er so einen guten Chef hat. Einen, der sich seit über 20 Jahren für das Unternehmen einsetzt, ohne dabei seine Menschlichkeit und Wertschätzung gegenüber den Mitarbeitern und den Kunden zu verlieren. Ein wahrer Fund in der heutigen, meist narzisstischen, Chef-Landschaft, deren Welt sich sonst um Work-Life-Balance und geschlechtergerechter Sprache zu drehen scheint. Anton war also auf seiner neuen Arbeit glücklich: Er konnte endlich seinem Wunschberuf nachgehen, hatte Gleichgesinnte am Arbeitsplatz und war geschützt vor regelmäßigen Reibungen mit den Vorstandsvorsitzenden.

Etwas angespannt ist die Stimmung nach einer gemeinsamen Sitzung im vergangenen Winter geworden, auf der die Vorstandsmitglieder pauschale Unzufriedenheit mit dem „Büro-Chef“ und allen Mitarbeitern zeigten. Sie haben Anton vorgeworfen, dass er seine Aufgaben nicht ordnungsgemäß erfülle, obwohl er exakt nach der Vereinbarung mit dem Vorstandsvorsitzenden gehandelt hat. Ich kann mich noch erinnern, wie entsetzt er von dieser Sitzung erzählte. Dass es sich aber so schlimm für ihn entwickeln würde, wusste er damals noch nicht.


Als die Einschränkungen wegen der Corona-Krise eingeführt wurden, musste Anton wie viele andere auf Homeoffice wechseln. In seinem Unternehmen ist ein großer Teil der Aufgaben entfallen. Von Kurzarbeit war auch die Rede. Dennoch versicherte der „Büro-Chef“ optimistisch, dass die Gehälter ohne Schwierigkeiten zumindest bis Jahresende gezahlt werden könnten.


In der letzten Woche hat Anton mich angerufen und erzählt, dass sein Chef alle bittet, dringend ins Büro zu kommen, weil der Vorstandsvorsitzende vor einigen Tagen überraschend aus Frankfurt direkt ins Büro gekommen ist und was wichtiges zu sagen hat. „Drück mir die Daumen, dass sie nicht auf Kurzarbeit umstellen“, hat mir Anton gesagt.


Völlig erschüttert meldete er sich am nächsten Tag bei mir. Die Neuigkeiten waren seine Kündigung und die Kündigung aller anderen Kollegen in seiner Firma. Geblieben sei nur der „Büro-Chef“. Er solle einen Nachfolger bekommen, den er einarbeiten müsse. Die Stelle dafür sei schon ausgeschrieben. Anonym, über eine Recruiting-Agentur. Anton stand unter Schock und musste erst Worte finden, als er über seine Kündigung erzählte.


„Wegen der Corona-Krise?“, habe ich gefragt. „Nein, eben nicht wegen der Corona-Krise. Wegen einer Restrukturierung. Sie haben gesagt, die Corona-Krise kann noch lange dauern, deshalb es hängt es davon nicht ab, wann sie die Kündigung aussprechen.“ Ich war baff. Hunderttausende Menschen gehen in die Kurzarbeit, weil ihre Arbeitgeber wegen der Corona-Krise sie nicht mehr bezahlen können. Hunderte Unternehmen schließen. Jobcenter sind wegen der massiven Erhöhung der Arbeitslosenzahl überfordert. Die Wirtschaft bricht beinahe zusammen. Wer muss man sein, um in so einer Situation ohne einen wirtschaftlichen Grund Menschen von heute auf morgen auf die Straße zu setzen? In meinen Augen ist es wirklich das letzte, was man in so einer Situation einem Menschen antun kann, und grenzt an Soziopathie.

Die Kündigung verlief rasch. Die Mitarbeiter wurden einzeln ins Büro des Chefs eingeladen. Er selbst war nicht dabei, sondern nur der Vorstandsvorsitzende. Jeder verließ nach einigen Minuten schweigend das Büro und hatte ein Zettel in der Hand. Der Vorstandsvorsitzende hat ein Weilchen über Gott und die Welt mit Anton geplaudert, bis er ihm seine Kündigung ausgesprochen hat. Unruhige Haltung, kein direkter Blick in die Augen. Was denke sich denn Anton, ihm sei es eben auch schwer gefallen, alle zu kündigen. Diese Reise mache auch für ihn keinen Spaß. Er könne schließlich nichts dafür, es sei die einstimmige Entscheidung des Gremiums gewesen. Anton könne sich gar nicht vorstellen, wie schwer es ihm gefallen sei, alle zu kündigen. Der Vorstandsvorsitzende tat also noch so, als sei er in der Situation das Opfer!



„Einstimmig?“, fragte ich. „Auch dieser Vorstandsmitglied, mit dem ihr alle so gut könnt und der bei deinem Vorstellungsgespräch dabei war, hat er auch dafür gestimmt? Ist er nicht ein enger Freund von deinem Chef?“.

Der Vorstand wollte wohl die Tätigkeit der Firma in der Form, in der es der „Büro-Chef“ ausgeübt hat, nicht mehr akzeptieren und entschied sich dann, eine Art Säuberung von „Unwilligen“ durchzuführen statt auf Kompromisse zu setzen. Aus dem nachfolgenden Gespräch mit dem Chef hat es sich herausgestellt, dass die Recruiting-Agentur, die anonym nach einem neuen Mitarbeiter sucht, ein Vorstandsmitglied über sein Unternehmen beauftragt hat. Zudem hat es sich herausgestellt, dass der Vorstand sich bei vielen Firmenkunden meldete, um auf Verzögerungen wegen einer bevorstehenden Restrukturierung hinzuweisen.


Zu dieser Geschichte habe ich viele Fragen. Ich frage mich, wie es sein kann, dass Menschen wegen Loyalität und Anständigkeit gekündigt werden? Wie kann es sein, dass Menschen, die unbefristete Arbeitsverhältnisse in einem sozialen Staat haben, ohne Personalgespräche, ohne Vorankündigungen oder irgendwelchen Disziplinarmaßnahmen von heute auf morgen auf die Straße gesetzt werden können? Und das in so einer Krise?


Und ich kann zum Ende meiner Erzählung über Antons Kündigung nur die Worte von Bertold Brecht wiederholen: „Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral“. Allgegenwärtig, zeitlos, traurig.



Bild: freepik

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