Die Kraft des Negierens

27.03.2020, Tag 17


Die Kraft des Negierens


Sonntagabend rief mich meine Chefin an - frisch angekommen aus Spanien - und wollte uns für eine Besprechung im Büro versammeln. Ich war zunächst perplex. Dann habe ich sie etwas verwirrt gefragt, wie es ihr geht, ob sie sich gesund fühlt, ob sie sich zunächst nicht in die Quarantäne begeben möchte. Sie hat gereizt gewirkt. „Warum fragen mich das bloß alle?“. Sie will planen, planen, planen: „Wir haben viel zu tun, wir verschieben einfach alles um ein paar Monate. Und im Herbst ist eh alles wieder in Ordnung.“


Mein Freund meinte „Ist sie verrückt?“, und eine gute Freundin von mir lachte: „Ist das süß. Meinte sie im ernst, du gehst da hin?“. Meine Arztin sagte zu mir: „Es ist purer Aktionismus. Wenn sie sich auch in zwei Wochen noch genauso gut fühlt, dann können Sie sich eventuell unter Einhaltung von 2 Meter Abstand versammeln.“


Ein Freund von mir wollte sich mit mir treffen. Er hat vor kurzem eine Asien-Reise gemacht und ist seit zehn Tagen zurück in Berlin. Keine Kontrolle, keine Quarantäne. Er hat mich zum Essen zu sich nach Hause eingeladen.

Ein Bekannter, der Künstler ist, hält die ganzen Einschränkungen für maßlos übertrieben. Er ist völlig genervt und hält sie nicht ein. Er kämpft um seine Existenz und versteht nicht, warum die ganze Welt wegen eines viralen Infekts verrückt spielt.


Meine sehr enge Freundin, die ich gefühlt mein ganzes Leben kenne, meldet sich seit ein paar Wochen nur noch sehr selten. Als wir dann vorgestern doch telefoniert haben, meinte sie, ich kenne doch schon die russischen Krisen der 90er Jahre und diese Krise müsste für mich doch leichter zu verkraften sein. „Du hast doch bestimmt genug gelesen und weißt, dass der Verlauf wie bei einer Grippe ist. Und die alltäglichen Unannehmlichkeiten sind ja nur vorübergehend.“ Sie wirkte gereizt und wollte über dieses Thema nicht mit mir reden. Als ich ihr sage, dass ich im Moment leider kein anderes Thema habe, sagt sie mir: „Gerade du solltest doch verstehen, dass Politik und Wirtschaft die ganzen Maßnahmen für ihre eigenen Zwecke ergreifen. Das ist maßlos übertrieben, und das ist eine Frage von vier Wochen. Für mich ist es kein Gesprächsstoff.“


Menschen haben Angst und bei vielen tritt das Phänomen ein, den ich als das Negieren der Realität bezeichnen würde. Sie denken sich eine Welt aus, in der das Ganze nicht passiert oder nur ein Bisschen passiert, oder nur vorübergehend passiert. Und denjenigen, der sie auf die Realität hinweist, halten sie für einen Pessimist oder schlimmer noch, für einen Panik-Macher und reagieren häufig aggressiv.


Und schlimm fühlt es sich eh nicht an. Wir haben uns an die leeren Regale gewöhnt, denn sie sind in der Regel nur abends leer. Wir haben uns an das Homeoffice gewöhnt, denn es funktioniert irgendwie. Wir haben uns an die transparenten Schutzschilder an den Kassen in Lebensmittelläden und große Schlangen, in den Menschen anderthalb Meter Abstand voneinander halten (oder nicht halten), gewöhnt. Und dass unsere Kinder nicht in die Schule gehen können - daran haben wir uns auch gewöhnt.


Als ich neulich einen Film geschaut habe, habe ich mich selbst dabei ertappt, wie ich gezuckt habe, als Freunde im Film einander zur Begrüßung umarmten. Meine Schwester schickte mir aus St. Petersburg eine Nachricht: „Fahre gerade Metro und lese einen Hinweisschild: ‚Um Verletzungsgefahr zu vermeiden, halten Sie sich an den Griffen fest!‘ Wie zynisch.“


Wir stecken also voll in dieser Krise drin. Und für die Mehrheit von uns füllt es sich nicht so schlimm an. Denn das, weshalb die Einschränkungen eingeführt worden sind, kann die Mehrheit von uns nicht sehen. Und möge es dabei bitte bleiben!


Und das, was in den Nachrichten steht, können wir nicht sehen, wenn wir unser Haus verlassen. Wir können nicht sehen, dass in spanischen Pflegehäusern Menschen in ihren Betten von Militär tot aufgefunden werden. Wir können nicht sehen, dass in New York Kühllaster für Lagerung der Tote bereit stehen und dass in Italien sterbende Menschen sich nur noch über Skype von ihrer Familie verabschieden können. Wir müssen das nicht sehen, wir können die Nachrichten ausschalten und Netflix schauen (solange es geht).


Wenn wir auf die Straßen gehen, sehen wir den wunderschönen Frühling und spazieren gehende Menschen. Ich merke selbst, wie schwierig es ist, das, was man mit bloßen Augen nicht sehen kann, als Gefahr einzustufen. Viel wohltuender ist es, an das exzellente (sic.?) Deutsche Gesundheitssystem zu glauben, daran, dass das Mysterium der deutschen Statistik der Corona-Infizierten an der sehr umfangreichen Testung liegt, daran, dass die deutsche Wirtschaft stak und stabil ist und - wenn wir schon an all das glauben - können wir auch gleich an die Vernunft unserer Politiker und die Nachhaltigkeit der Deutschen Demokratie glauben.


Bild: privat

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