Hauptsache - keine Verantwortung

Als ich vor einigen Jahren in einer Behörde in Nordrhein-Westfallen gearbeitet habe, bekam ich zur Kenntnisnahme ein Dokument, das ich niemals vergessen werde: Es war eine Anweisung, wie man sich bei Terrordrohungen und -anschlägen verhalten muss, darunter ein Punkt zum Verhalten bei sogenannten Bombenanrufen - wenn ein Mitarbeiter einen Telefonanruf mit einer Bombendrohung bekommt. Als Erstes stand unter diesem Punkt, der Mitarbeiter, der den Anruf bekommen hat, sollte versuchen, seinen „Gesprächspartner“ an der Linie zu halten und ihm zu erklären, man wäre für sein Anliegen nicht zuständig und man leite ihn deshalb er an die zuständige Stelle weiter. An dieses Beispiel habe ich mich in den letzten Tagen sehr oft erinnern müssen. In mehreren Jahren im öffentlichen Dienst habe ich gelernt, dass viele Bereiche nur auf dem Papier gut funktionieren. So ähnlich wie in der Sowjetunion, ist der Umgang mit dem worstcase - mit dem schlimmstmöglichen Fall - in vielen Vorschriften perfekt geregelt. Sobald der aber eintritt, scheitert die Umsetzung an der Realität, auf die die kleine Sachbearbeiter-Welt gar nicht vorbereitet ist. Sie funktioniert nur perfekt, wenn die Realität in die Rahmen der Verwaltungsvorschriften passt. Sobald diese Rahmen sie nicht mehr halten können und eigenes Handeln, eigene Einschätzungen von Risiken und das Treffen selbständiger Entscheidungen notwendig sind, kollabieren diese Bereiche. Das Zuständigkeitsprinzip - das A und O aller Behörden - ist das Prinzip, nachdem entschieden wird, welche Behörde, welche Abteilung, welches Referat, welche Stelle, welcher Sachbearbeiter zuständig für ein Anliegen ist oder nicht. Das ist zerstörerisch in diesen Krisenzeiten. Ich kann dies aus meiner eigener Erfahrung im öffentlichen Dienst bestätigen. Dennoch werde ich vielleicht nichts neues verraten, wenn ich davon erzähle, dass die Prüfkette der Zuständigkeit für ein bestimmtes Anliegen schon in einer Behörde der absurden „Reise“ des K. in Kafkas „Das Schloss“ ähnelt und ins nirgendwohin führt. Geschweige denn in ganzen Systemen wie dem Gesundheitssystem. Hier nur eine Geschichte eines Rückkehrers aus Ägypten auf sciencefiles.org, der sich auf Corona testen lassen wollte und der solange von einer „zuständigen“ Stelle zur anderen weitergeleitet wurde, bis seine Symptome wieder nachließen. Oder die inzwischen bekannte Story von dem Arzt, der von gravierenden Zuständen in Arztpraxen erzählt und Hilfe bei amtlich zuständigen Stellen, die sich immer wieder für nicht zuständig erklären, sucht. Das Zuständigkeitsprinzip in Deutschland ist etwas, was in solchen Zeiten Vorgänge massiv erschweren wird. Das wird schreckliche Konsequenzen haben.


Bild: Freepik, Ekaterina Quehl

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