"Alles für die Katz!"

01.04.2020, Tag 22


Nur mit ihm können wir diesen Wahnsinn überstehen und die soziale Isolation etwas besser verkraften. Ich habe ein paar Anekdoten gesammelt, die meine Freunde und ich in den letzten Tagen erlebt haben.


Neulich an der Kasse einer Rossmann-Filiale:

Ich bin die zweite in der Warteschlage. Vor mir steht eine junge Frau. Ihre Tasche hat ein Katzen-Muster. Auf dem Kassenband liegt gefühlt ein Dutzend Dosen mit Katzenfutter. „Na, was haben wir denn heute?“, sagt der vollbärtige Hipster, der an der Kasse sitzt und eine Dose nach der anderen kassiert. „Alles für die Katz, hm…“. Als ich an der Reihe bin, wünsche ich mir heimlich, dass das transparente Schutzschild vor dem Hipster etwas getönt wäre, damit er nicht sehen kann, wie ich erröte, während er mit kritischem Blick meine zahlreichen Shampoos, Duschgels und Putzmittel kassiert. „Na, heute Badespaß?“, sagt er mit leichtem Sarkasmus an den Lippen. Dann traue ich mich, die sakrale Frage zu stellen: „Könnten Sie mir sagen, ob Toilettenpapier bald wieder im Verkauf ist?“ „Ab Montag wieder. Aber kommen Sie ganz früh. Am besten gleich vor dem Eingang campen.“, sagt der Hipster und schaut mich dabei ganz ernst an. „Oder nehmen Sie Springer-Blätter. Sie eignen sich auch gut dafür.“ Das erinnert mich an einen Witz: „Na, ich komme aus Russland. Bei uns wird die Verfassung in ihrer aktuellen Ausgabe dafür empfohlen“, sage ich forsch.


Neulich in der Lidl-Filiale:


Vor mir steht eine sehr angespannt wirkende Frau und legt aus ihrem Einkaufswagen unzählige Artikel auf das Fließband. Sie macht es sehr energisch und konzentriert. Ihre Begegnung mit der Kassiererin ist noch einige Packungen Spaghetti und einige Dosen Fertiggerichte entfernt. Von weiter Ferne sehe ich, wie die Kassiererin anfängt, zu lächeln. Vielleicht hat sie den gleichen Gedanken wie ich?: „Was macht sie mit all den Spaghetti?“… Freundlich lächelnd kassiert sie die Waren der energischen Frau. Diese schaut die Kassiererin an. Plötzlich fängt sie an, mit ihr zu schimpfen: „Warum schauen Sie so? Machen Sie doch ihre Arbeit. Ich bin fassungslos, so dreist! Es geht Sie doch gar nicht an, was ich kaufe.“„Verzeihung, aber ich habe doch gar nichts gesagt. Ich habe doch nur einfach gelächelt“, sagt die überraschte Kassiererin. „Genau! Sie haben einfach gelächelt!“, sagt die resolute Frau.


Neulich auf der Arbeit:


Meine Freundin erzählt mir, dass ihre Chefs darüber sauer waren, dass sie vergessen hat, zu gendern. „Wie bitte?“, frage ich. „Na, in social-media.", sagt die Freundin. "Als ich den Hinweis gepostet habe, dass wir für unsere Mitglieder und Freunde auch in der Corona-Krise erreichbar sind. In der Anrede hätte ich auch unsere Mitgliedinnen und Freundinnen ansprechen müssen".

Neulich in der U-Bahn:


Russische Züge fahren sehr schnell und sie sind in der Regel sehr voll. Meine Schwester steigt in ein Waggon ein und versucht ein freies Fleckchen, eine menschenleere Insel, zu finden. Plötzlich sieht sie eine am Ende des Waggons. Auf dem Weg dahin versucht sie, keine Menschen und keine Oberflächen anzufassen. Sie ist dabei erfolgreich. Wie eine Leistungssportlerin balanciert sie im fahrenden Zug auf die menschenleeren Insel ohne eine einzige Oberfläche zu berühren. Sie ist sehr konzentriert. Plötzlich bremst der Zug kräftig und meine Schwester verliert fast ihre Balance. Ihre Arme strecken sich unwillkürlich in der Richtung eines Haltegriffs. In diesem Moment hört sie eine Metro-Ansage: „Um Verletzungsgefahr zu vermeiden, halten Sie sich an den Griffen fest!“. „Verdammte Zyniker!“, flucht meine Schwester und steckt sofort ihre Hände in die Jackentaschen. Sie steht wieder fest auf den Beinen.

Bild: Ekaterina Quehl/freepick/vimeo

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