Corona: Abstand oder Anstand?


Vor ein Paar Wochen erzählte ich eine Geschichte über Anton, einen guten Freund von mir. Er wurde nach der Einführung der Quarantäne überraschend von heute auf morgen gekündigt. Die Kündigung wurde offiziell nicht wegen Corona ausgesprochen, sondern wegen einer internen Umstrukturierung, hatte ihm sein Chef gesagt. Tatsächlich war Anton von Intrigen zwischen Vorgesetzten betroffen und wurde wegen seiner Loyalität gegenüber den „Falschen“ gekündigt. Dass die Kündigung in diesen harten Zeiten erfolgte, in den Hunderttausende arbeitslos werden und wir die wirtschaftlichen Folgen der Quarantäne nicht abschätzen können, war Antons Chef egal.


Heute möchte ich über Marco erzählen. Marco war (den Namen habe ich geändert um seine Anonymität zu bewahren) sehr freundlich, mir ein Interview für mein Studienprojekt zu geben. Aus einem Interview mit einer Fragenliste wurde ein warmes Gespräch, das mich so bewegt hat, dass ich ihn darum gebeten habe, seine Geschichte auf meinem Blog erzählen zu dürfen.


Marco ist der Besitzer eines bezaubernden Cafés im Herzen Charlottenburg. In diesem Café treffe ich mich seit Jahren mit meinen Freunden, bastle an meinen Grafiken und schreibe meine Texte. Gemütliche Atmosphäre, Freundlichkeit und bester Kaffee weit und breit sind nicht die einzigen Gründe, warum mich immer wieder dahin zieht. Das ist vielmehr die Harmonie, die Summe von allem, und das Gefühl, an einem Ort zu sein, wo jemand etwas eigenes mit Wissen und Herz geschaffen hat. Dass es Marcos Traum war, ein Stück Italien nach Berlin zu holen, steht sogar auf seiner Karte.


Am 22. März mussten in Berlin alle Gaststätten schließen. Die Gaststättenbetreiber durften Essen und Getränke nur noch zur Abholung oder Lieferung anbieten. Ich kann mich noch erinnern, welch ein trauriger Moment es für den Besitzer des Italienischen Restaurants bei mir um die Ecke war, als er uns gesagt hat, dass sein Restaurant ab dem nächsten Tag schließt. Es ist wahrscheinlich sehr vielen so ergangen: Ungewissheit über eigene Zukunft und die Zukunft seines eigenen Geschäfts können noch so einen fröhlichen und optimistischen Menschen bestürzen.


Am 22. März schloß Marco sein Café und ging nach Hause. Er ging nach Hause und es ging ihm sehr schlecht. Denn er hatte keinen Online-Shop, war weder bei Instagram noch bei Facebook sonderlich aktiv, seine Webseite wurde seit Monaten nicht aktualisiert, seine Mitarbeiter musste er in die Kurzarbeit schicken und ob Lieferanten in diesen Zeiten noch liefern würden, wusste er auch nicht.


Am nächsten Tag ist er aufgestanden und hat angefangen zu rechnen. Er hat tagelang hin- und her gerechnet, nach Möglichkeiten gesucht, Strategien entwickelt, Risiken abgewogen. Kurzarbeit, IBB-Hilfen und Kaffee to go - all das hat er als Gastronom mitgemacht. Ob sein Café die Quarantäne überleben würde, wusste er auch nach mehreren Tagen Rechnerei nicht. Die IBB-Hilfen haben nur für den ersten Monat gereicht, bei der Kurzarbeit musste man in Vorleistung gehen - Erstattungen soll es erst ab Juli geben. Und die später eingeführte und in den Medien (z. B. bei tagesschau.de) hochgejubelte Steuerentlastung von 19 auf 7 Prozent für Gastronomen kommt erst ab Juli und nur für Speisen, nicht für Getränke.


„Meine Mitarbeiter wollten nach der Schließung keinen Kontakt mehr zu mir haben. Es hieß nur: Marco arbeitet und wir wurden nach Hause geschickt.“, sagte er mir. „Wir haben natürlich wieder zueinander gefunden, aber am Anfang war die Schließung für uns alle ein Schlag und meine Mitarbeiter haben sich zunächst von mir im Stich gelassen gefühlt. Das war ein großes Missverständnis.“ Er trage die Verantwortung nicht nur für das Café, sondern auch für andere Menschen und deren Existenzen mit. „Bei der Kurzarbeit verdient man zwar wesentlich weniger, aber es immer noch besser, als eine Kündigung“, sagte Marco. Er hat keinen einzigen Mitarbeiter gekündigt.


In Zeiten der Einschränkungen hieß es umzugestalten: Eingang hier, Ausgang dort, Tische weg stellen wegen der Abstandsregeln, Desinfektion, Mundschutz, Behörden-Kontrolle. Solche Veränderungen ließen von dem einzigartigen Ambiente nur noch eine Anspielung darauf übrig. „Aber ist immer noch besser, als zu schließen“, sagte Marco.


Und dieses „Aber es ist immer noch besser, als…“ trieb Marco voran: Egal, was passierte, es war immer noch besser als das Café zu schließen und seine Mitarbeiter zu kündigen.


Nach ein paar Wochen ging es aufwärts. Marco entschied sich, auf seine Kunden bei Facebook zu zugehen. Er hatte dort zwar eine kleine Seite, war aber bisher nie besonders aktiv. Er fing an, jeden Tag kleine Beiträge zu posten, mit Videos, Fotos, mit Lächeln und Wärme. Und er hat eine Spende-Kampagne organisiert. Erstaunlich: Innerhalb von wenigen Tagen hat er mehrere Tausend Euro gesammelt. Er bekam schöne Rückmeldungen, Menschen erzählten über sein Café auf Social Media und bestellten sogar online. Zwar immer noch mit großen Verlusten, aber Marco konnte diese schlimme Zeit überbrücken.


Wirtschaftsexperten sprechen von einer großen Krise, die wegen der Folgen der Pandemie auf uns zukommt. Eine Rezession zeichnet sich jetzt schon ab und wann es eine Inflation geben wird, ist nur einer Frage der Zeit. Auch Marco ist der Meinung, dass es erst der Anfang ist. Aber er ist optimistisch: „Kaffee wird immer getrunken“, sagt er. Und mir gibt seine Geschichte Mut und Hoffnung, dass es auch anders gehen kann als bei meinem guten Freund Anton, dass Menschen in diesen harten Zeiten auch ihre besten Seiten und Empathie zeigen können und dass dies auch dann wichtiger ist, wenn Existenzangst den Alltag bestimmt.



Bild: Ekaterina Quehl

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