Doppelplätze sind nur einzeln besetzt

13.3.20, Tag 3


Auf der Arbeit frage ich meinen Kollegen, ob wir unsere Gehälter weiterhin bekommen werden, wenn der Staat uns die üblichen Zuschüsse nicht bezahlt – von denen meine Firma sehr stark abhängt. In einem beruhigendem Ton sagt er mir, dass wir unsere Gehälter trotzdem weiter bekommen würden, ich solle mir keine Sorgen machen. Unsere Firma habe einen Kreditrahmen, der noch gar nicht in Anspruch genommen worden sei. Und im Rahmen dieses Kredites könnten unsere Gehälter weiter bezahlt werden. Seine Antwort beruhigt mich nicht. Denn ich weiß nicht, wie hoch der Kreditrahmen unserer Firma ist. Es wird mir klar, dass ich wie in den 90er Jahren mein Leben nur noch für die nächsten Wochen planen kann. Ich fahre von der Arbeit nach Hause und steige in die hintere Tür des Busses ein. Ab heute bleiben die vorderen Türen geschlossen, damit die Ansteckungsgefahr für die Busfahrer gering bleibt. Der Bus ist fast leer und trotzdem stehen einige Fahrgäste. Ich wundere mich zunächst darüber, sehe dann aber, dass sie offensichtlich bevorzugen, nicht nebeneinander zu sitzen. Doppelplätze sind nur einzeln besetzt. Normalerweise fahre ich mit zwei Bussen von der Arbeit nach Hause. Diesmal steige ich aber nicht um und lege die restliche Strecke zu Fuß zurück. Auf dem Weg gehe ich zu Lidl. Dort sehe ich, dass Menschen schweigend ihre Einkaufswagen füllen. Die leeren Regale, die normalerweise mit Konserven gefüllt sind, wundern mich nicht mehr. Es fällt mir auf, dass Menschen jetzt verstärkt Nudeln, Tiefkühlkost, Putzmittel und Hygieneartikel kaufen. Und überhaupt: Sie kaufen alles. Schweigend und fokussiert legen Menschen einfach alles Mögliche in ihre Einkaufswagen. Keiner wirkt nervös. Schweigend und fokussiert - so würde ich es beschreiben, wie sich Menschen in den letzten Tagen verhalten. Ich erledige meine Käufe und gehe nach Hause. Es scheint die Sonne, die Vögel zwitschern. Ich spüre auf meiner Haut den kommenden Frühling. Auf dem Schild an der Eingangstür der Apotheke, die ich gestern besucht habe, sehe ich ein aufgekritzeltes „nur FFP 1“.* Unterwegs bekomme ich eine Nachricht von einer Freundin, die in einem Sozialamt arbeitet. In der Nachricht steht, dass ein Kollege von ihr mit einem infizierten Kunden Kontakt hatte und dass die Vorgesetzten dies komplett ignoriert haben. Sie haben die besorgten Stimmen der Mitarbeiter überhört und sie sogar ausgelacht. Auch hat es einen offenen Brief von den Mitarbeitern an den Senat gegeben. Vom Senat kam aber keine Antwort. Die Kommunikation sei wohl eingestellt, schrieb mir meine Freundin. Abends besucht mich ein Freund. Er arbeitet bei der Feuerwehr und erzählt mir, dass bereits zwei Kollegen von ihm einen Verdacht auf Corona haben. Ich frage ihn, ob die Feuerwehr auf Pandemie besonders vorbereitet ist. Er sagt Nein. Ich frage ihn, ob sich unser gesellschaftliches Leben in den nächsten Tagen massiv ändern werde. Er sagt Ja. Ich frage ihn, ob Berlin bald unter Quarantäne stehen werde, er sagt Ja. Ich frage ihn, ob fast jeder von uns sich mit Corona infizieren werde. Er sagt Ja. Er wirkt sehr ruhig und fokussiert. * Eine der Klassen der Atemschutzmasken.


Bild: www.bvg.de, Ekaterina Quehl

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