Absurd im Alltag

19.3.20, Tag 9


Heute arbeite ich meinen dritten Tag von zu Hause aus. Regulär wäre jetzt meine Arbeit, Öffentlichkeitsarbeit für eine Veranstaltung mit mehreren Hundert Teilnehmern zu machen. Diese Veranstaltung sollte im Juni stattfinden. Regulär sollte ich jetzt Teilnehmer und Referenten anfragen, Themen, Materialien und andere Sachen, die zur der Organisierung einer großen Veranstaltung gehören, vorbereiten. Es wäre jetzt absurd davon auszugehen, dass sie stattfindet. Deutschland hat ja gerade mal seit zwei Tagen seine Grenzen geschlossen und Berlin hat gerade erst seit 5 Tagen Schulen, Kultureinrichtungen, Bars etc. dicht gemacht. Das ist erst der Anfang der Pandemie. Unsere obersten Etagen sehen es aber sehr optimistisch. Sie gehen davon aus, dass im Juni die Welt wieder in Ordnung sein soll. Auf das Experiment bin ich sehr gespannt. Mit solchen Absurditäten fühle ich mich keinesfalls allein. In meinem Freundeskreis passieren Dinge, von den ich manchmal wortlos bin. Eine Bekannte, die in einer Sozial-Behörde arbeitet, erzählte mir, dass ihre Vorgesetzte sie geschimpft hat, weil sie die Mitarbeiter informieren wollte, dass ein Kunde mit einem Verdacht auf Corona in der Behörde vorsprach. Die Verbreitung solcher Information sei Panikmache, wurde es ihr gesagt. Eine bekannter Arzt erzählte mir, dass er sofort seine Praxis in die Quarantäne schließen muss, sobald es bekannt wird, dass ein Infizierter in der Praxis vorsprach, weil seit Wochen nichts von der bestellten Schutz-Ausrüstung geliefert wird.




Mein Freund erzählte mir, dass Kunden in Supermärkten sehr emotional auf leere Regale reagieren und auf Hinweise, dass bestimmte Artikeln nur noch in einer begrenzen Anzahl gekauft werden dürfen. Eine Frau hat regelrecht hysterisch reagiert, als ihr von fünf Tüten Hafer-Milch, die sie auf das Kassenband legte, zwei wieder weggenommen wurden. Das machen die Kassierer; sie nehmen die „überzählige“ Ware Produkt einfach vom Band.


Mein Freund sprach bei Netto mit einer Verkäuferin und einem Verkäufer. Sie erzählten ihm, dass sie seit zwei Wochen kein Mehl mehr haben, und seit zwei Tagen keine Milch mehr. „Man kann sie auch nicht bestellen im Moment, wir wissen nicht, wann sie wieder lieferbar ist“. Im benachbarten Bioladen fand der Freund noch Milch, aber nur fettarme. Ein Kunde rief vor dem Milchfach seine Frau an und sagte ihr, es gebe keine Vollmilch mehr, ob er die fettarme Milch nehmen solle. Nachdem sie offenbar „Nein“ sagte, empfahlt ihm mein Freund, die Milch zu nehmen, weil es bei Netto schon keine mehr gab. Er schaute ihn hochnäsig an: „Bei Netto“, schüttelte den Kopf und ging ohne Milch.




Eine Freundin erzählte mir, dass sich heute eine Schlange um eine Palette mit Toilettenpapier gebildet hatte, und dass der Verkäufer je zwei Verpackungen an die Kunden verteilt hat. Meine Freundin wollte aber nur eine Verpackung haben, aber der Verkäufer sagte leise: „Nimm das. Wir wissen nicht, ob wir das so in drei Tagen noch haben .“


Ich beobachte ein Szene in einem Lebensmittelgeschäft: Ein junger Mann kommt in das Geschäft rein und sieht eine offensichtlich bekannte Frau. Er kommt schnell auf sie zu und streckt ihr lächelnd seine Hand zur Begrüßung aus. Die Frau hebt erschrocken beide Hände nach oben und sagt laut „Nein“. Der junge Mann schaut erst perplex und dann sagt er „Okay, dann nicht.“



Bilder: Ekaterina Quehl

© 2020 Ekaterina Quehl. Berlin, Deutschland. Created with Wix.com, © Hintergrund: designed by bearfotos / Freepik

E-Mail: k.quehl@web.de

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